Bewertungsgutachten nach IdW S1 kann aus steuerlichen Gründen wegen hoher Unternehmenswerte sinnvoll sein

By 7. Januar 2016Rechtsprechung

Andauernd hohe Unternehmenswerte durch den niedrigen Kapitalisierungssatz bei Anwendung des vereinfachten Ertragswertverfahrens machen auch für steuerliche Angelegenheiten ein Bewertungsgutachten nach IdW S1 sinnvoll!

Wirtschaftsprüfer Dr. Jochen Schürmann – 5. Januar 2016

Das BMF hat am 4. Januar 2016 den Basiszins für das vereinfachte Ertragswertverfahren gemäß §§ 199 – 203 Bewertungsgesetz – BewG- bekanntgegeben (BMF Schreiben vom 2. Januar 2016, IV C 7 – S3102/07/10001. Die Deutsche Bundesbank hat danach aufgrund der gegebenen Zinsstrukturdaten für den Basiszins einen Wert von 1,10% errechnet. Unter Berücksichtigung des gesetzlich festgelegten Zinszuschlages von 4,5%-Punkten (§ 203 BewG) ergibt sich damit ein Kapitalisierungszinssatz von 5,6% bzw. ein Kapitalisierungsfaktor von 17,86. Trotz einer geringen Erhöhung des Kapitalisierungszinssatzes gegenüber dem Jahr 2015 (5,49%) bleibt es damit bei einem vergleichsweise hohen Kapitalisierungsfaktor und den damit hohen – in zahlreichen Fällen überhöhten -Unternehmenswerten bei Anwendung des vereinfachten Ertragswertverfahrens. Dies impliziert ggf. stark erhöhte steuerliche Belastungen bei der Anwendung des Verfahrens insbesondere bei der Übertragung von Gesellschaftsanteilen nach dem Erbschaftsteuer- und Schenkungsgesetz (ErbStG).

§ 11 BewG manifestiert die Bewertungshierarchie bei der Bewertung von Wertpapieren und Anteilen an Kapitalgesellschaften (aber auch von Einzelunternehmen oder Personengesellschaften) für steuerliche Zwecke. Liegt ein Börsenkurs am Stichtag nicht vor und lässt sich der gemeine Wert nicht aus Verkäufen unter fremden Dritten ableiten, „…so ist er unter Berücksichtigung der Ertragsaussichten der Kapitalgesellschaft oder einer anderen anerkannten, auch im gewöhnlichen Geschäftsverkehr für nicht steuerliche Zwecke übliche Methode zu ermitteln; dabei ist die Methode anzuwenden, die ein Erwerber der Bemessung des Kaufpreises zu Grunde legen würde.“

Mit der Erbschaftssteuerreform zum 1. Januar 2009 wurden die Bewertungsregeln zur Bewertung von Anteilen an Kapitalgesellschaften grundlegend reformiert. Mit der Möglichkeit der Anwendung des vereinfachten Ertragswertverfahrens, das Stuttgarter Verfahren wurde ersetzt, wollte der Gesetzgeber u.a. allen Unternehmen, unabhängig von ihrer Größe, die Möglichkeit eröffnen, mit einem einfachen Verfahren kostengünstig einen Wert auf Basis der künftigen Ertragsaussichten zu ermitteln.

Die Anwendung des vereinfachten Ertragswertverfahrens ist als Wahlrecht ausgestaltet. Die Anwendung ist jedoch gesetzlich ausgeschlossen, wenn es zu offensichtlich unrichtigen Ergebnissen führt. Es ist davon auszugehen, dass die Finanzverwaltung offensichtlich zu niedrige Werte als unrichtig klassifiziert. Es kann jedoch dahingestellt bleiben, ob die Finanzverwaltung offensichtlich zu hohe Werte tatsächlich auch als unrichtig klassifiziert.

Basis bei der Anwendung des vereinfachten Ertragswertverfahren ist der um außergewöhnliche Ereignisse bereinigte Durchschnittsertrag der letzten drei Geschäftsjahre, der – mit dem Kapitalisierungsfaktor multipliziert – , den vereinfachten Ertragswert ergibt. Dieser Faktor setzt sich zusammen aus dem variablen Basiszinssatz – der für das Jahr 2016 mit 1,10% festgesetzt wurde – und dem pauschalen Risikozuschlag von 4,5%-Punkten. Der eigentliche Kapitalisierungsfaktor ergibt sich dann durch Ansetzung des Kehrwertes.

Welche signifikanten Konsequenzen die Bemessung des variablen Zinssatzes hat verdeutlicht folgendes simplifizierte Beispiel. Im Jahr 2009 betrug der Kapitalisierungsfaktor nach § 203 BewG 12,33 (100/(3,61+4,5%)), im Jahr 2016 beträgt er 17,85 (100/(1,1+4,5)). Unterstellt man bei der Anwendung des vereinfachten Ertragswertverfahrens ein durchschnittliches Betriebsergebnis in Höhe von 100 T€, so ergibt sich für das Jahr 2009 ein Unternehmenswert von 1.233 T€, für das Jahr 2016 ein solcher von 1.785 T€. Trotz gleichem angenommenen Betriebsergebnis, dem gedachten Zukunftserfolg, liegt der Unternehmenswert – und damit die Besteuerungsbasis – im Jahr 2016 um rund 1/3 höher als im Jahr 2009. Eine solche Bewertungsdifferenz hat erhebliche Konsequenzen bezüglich der steuerlichen Belastung beispielweise im Erbschaftsfall.

Es ist unmittelbar einsichtig, dass ein vergangenheitsorientiertes und typisierendes, mithin pauschales Bewertungsverfahren wie das vereinfachte Ertragswertverfahren nach BewG zu unzutreffenden Werten führt. In der derzeitigen offensichtlich mittelfristig anhaltenden Niedrigzinsphase werden der Besteuerung damit zu hohe Unternehmenswerte zu Grunde gelegt.
Vor diesem Hintergrund macht es Sinn, über ein Bewertungsgutachten i. S. d. IdW S1 (Grundsätze zur Durchführung von Unternehmensbewertungen) nachzudenken. Eine solche Bewertung wird zu realistischeren Werten führen und damit dem Besteuerungstatbestand gerechter. Die nicht zu vernachlässigenden Kosten einen solches Gutachtens sollten allerdings mit der möglichen Steuerminderbelastung verglichen werden.